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b o t s c h a f t - léonie françoise de sales aviat

Zur Heiligsprechung von Léonie Aviat am 25. November 2001

Mère Léonie Françoise de Sales
eine aussergewöhnliche Sozialpionierin

 

Léonie Aviat - die Hellhörige
Verzicht auf Ehe und Bürgerlichen Wohlstand
"Hier bei den Arbeiterinnen ist mein Platz"

Soeur Françoise de Sales wird erste Oberin
Der Lebensvorsatz: "M'oublier entièrement"
Seelenstärke trotz "unzähliger Verletzungen"
Politische Stürme und massive Rückschläge
Worin Léonie Françoise de Sales Vorbild bleibt

 

"Kein Heiliger ist wie der andere», schrieb der bekannte Theologe Otto Karrer (gestorben 1976 in Luzern). "Wie jeder Mensch sein Gesicht, jede Blume ihren eigenen Duft, jede Landschaft, jedes Volk ein eigenes Gepräge hat, so entfaltet sich auch das religiöse Leben nach der freien Wahl des göttlichen Geistes, der einem jeden austeilt." 


Léonie Aviat im Alter von 20 Jahren

Auch die Französin Léonie Aviat, deren bemerkens­wertes Lebenswerk im 21. Jahrhundert noch immer von ihrer Vitalität geprägt bleibt, war - wie ihr geistiges  Vorbild Franz von Sales - eine einmalige dynamische Frau. Unter dem Aspekt ihrer aussergewöhnlichen Persönlichkeit und ihrer Leistungen hätte sie Medaillen und Orden verdient; doch diese wären heute höchstens noch in einem Archiv zu besichtigen. Die katholische - wie auch die orthodoxe - Kirche hält für herausragende Menschen, die ein besonders beispielhaftes christliches Leben geführt haben, eine andere, eine spirituelle Ehrung bereit: Sie nimmt sie auf ins Verzeichnis (lateinisch: Kanon) von Christinnen und Christen, die ihren Lebens­lauf bereits vollendet haben und den Gläubigen als nachah­menswerte Vorbilder  empfohlen werden können. Vorbild war Léonie Aviat, weil sie - wie wenige Jahrzehnte später der Deutsche Adolf Kolping (1813-1865) und der Italiener Don Giovanni Bosco (1815-1888) - die soziale Not ihrer Zeit erkannt und Werke zu deren Linderung gegründet haben.

 

Heilige - Vorbild und Ansporn

Die Aufnahme in den kirchlichen Kanon wird offiziell als "Kanonisation" bezeichnet, ein Begriff, den die französische Sprache mit "canonisation" direkt übernommen hat. Der deutsche Ausdruck 'Heilig­sprechung' hingegen ist recht unglück­lich gewählt. Er erweckt den falschen Eindruck, als füge die feierliche Deklaration des Papstes der Person des oder der Heiligen etwas hinzu. Nach eingehender Prüfung durch eine spezielle Kommission nimmt der Papst lediglich den Namen dieses Verstorbenen offiziell in das Verzeichnis (lateinisch: Kanon)  auf. Dieser Eintrag ändert jedoch - wie sich jemand einst humo­ristisch ausdrückte - nichts an der Rang- oder Tischordnung im Himmel. Wohl aber ergeben sich Konsequenzen für das Verhalten der Gläubigen. Denn mit dem feierlichen Akt erhebt die Kirche, wie sich manche gerne ausdrücken, die Heiligen zur 'Ehre der Altäre'. Von nun an dürfen ihre Reliquien in Kirchen und Kapellen in Altären eingemauert, ihre Namen auch in der Liturgie um Fürbitte und Hilfe angerufen werden.

Indes gilt die Verehrung letztlich nicht der "heiliggesprochenen" Person, sondern allein Gott, dem Schöpfer und Urheber alles Guten. Eine Kanonisation hebt vor allem nicht das Bekenntnis auf, das an jedem Sonn- und Festtag im Gloria gebetet wird: «Tu solus sanctus - du allein bist heilig!» Wenn trotzdem jemand 'heilig' oder "heiligmässig" genannt wird, soll damit nicht eine persönliche Qualifikation, sondern die Tatsache ausgedrückt werden, dass sich diese Person total von Gott erfüllen liess, sich ganz seiner Führung anvertraut hat.

Sich ganz von Gott erfüllen lassen und sich voll seiner Führung anvertrauen - darin können und sollen für uns die Heiligen Vorbild und Ansporn sein.  Dass mich dabei jene Vorbilder eher ansprechen, mit denen mich eine gewisse Seelenverwandtschaft verbindet, ist ganz natürlich.

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Léonie Aviat - die Hellhörige

Im Leben von Léonie Aviat sind die Spuren göttlichen Wirkens bis heute deutlich erkennbar. Darum gehört die sympathische Französin zweifellos zu jenen faszi­nie­renden religiösen Frauen­gestalten des 19. Jahrhunderts, deren Persönlichkeit und Lebenswerk uns mit grosser Hoch­achtung, ja Bewunderung erfüllen. In vielem war sie ihrer Zeit voraus. Ihre Einsichten und Anordnungen, vor allem ihre Hellhörigkeit für Gottes Anruf und die Nöte der Zeit sind noch heute - 126 Jahre nach ihrem Tod - durch­aus zeitgemäss.


Léonie als Schülerin der Mutter Marie de Sales

Léonie wurde am 16. September 1844 in Sézanne als Tochter einer zwar katholischen, aber nicht praktizierenden Kaufmannsfamilie geboren. Ihr Vater trieb, wie sein Geschäftsschild anpries, Handel mit "Samen, Hanf und Leinen, Kurzwaren, Lebensmittel - Gross- und Einzelhandel". Obwohl Théodore Aviat der kirchlichen Praxis fern steht, teilt er die allgemeine Auffassung seines Milieus, "ein wenig Frömmigkeit könne den Frauen nicht schaden". Darum schickt er, im Einvernehmen mit seiner Frau, das jüngste Kind bereits im Alter von elf Jahren ins Institut der Ordensschwestern von Troyes. Dort soll das Mädchen eine solide Ausbildung, eine sorgfältige Erziehung und auch eine gewisse religiöse Förderung erhalten.

Léonie hat das Glück, im Internat von Troyes zwei Persönlichkeiten zu begegnen, die seinen künftigen Lebensweg ganz entscheidend prägen sollten. Die eine ist die allseits bekannte und geschätzte Oberin, Soeur Marie de Sales Chappuis, eine aus dem schweizerischen Juradorf Soyhières

 

stammende Ordens­frau, die von allen die "Gute Mutter" genannt wird. Da ist ferner der Priester Louis Brisson, der am Institut Literatur, Grammatik und Naturkunde, aber auch Religion unter­richtet. Ihn wählt Léonie schon kurz nach ihrem Eintritt zum Beichtvater und Seelen­führer. Die Ordensschwester und der Prie­ster sind hoch­begabte Pädagogen, deren profundes Wissen und ungekünsteltes Beispiel die 85 Schülerinnen des Instituts faszinieren. Beide werden schon bald aufmerksam auf die religiöse Hellhörigigkeit und Aufnahmebereitschaft des stillen, sehr begabten Mädchens aus Sézanne. Léonie lässt sich von ihrer anziehenden gleichzeitig lebens- und gottnahen Spiritualität begeistern: Es ist die des einstigen Genfer Bischofs, Franz von Sales, nach der die Oberin lebt und nach dem sie sogar ihren Ordensnamen - Marie de Sales - gewählt hat.

François de Sales (1567-1622)

Geboren auf Schloss Sales bei Thorens in Savoyen. Studium der Philosophie, Theo­logie und Rechtswissenschaft in Paris. 1591 Doktor beider Rechte, 1593 Priesterweihe und Ernen­nung zum Propst der Kathe­drale von Genf. 1602 Bischof von Genf. 1604 Begegnung mit Jeanne-Fran­çoise de Chantal, einer jungen Wit­we mit vier Kindern. Mit ihr zusammen gründet er eine religiöse Ge­meinschaft von Frauen, die sich (für damals völlig unge­wohnt) ohne Ein­schrän­kung durch eine Klausur den Kranken und Armen in Annecy wid­men können. Gestorben in Lyon.

1665: Kanonisation

Über seine Spiritualität, die ganze Generationen späterer Ordensmänner und Ordensfrauen geprägt hat, schreibt Otto Karrer:
 
"Der beherrschende Zug im Wesen Franz von Sales ist Güte und Milde, jene Eigenschaft einer liebenswürdigen Menschlichkeit, die schon Paulus zu den besonderen Früchten des Geistes zählte. Güte und Sanftmut, schon von Natur mitgegeben, machten es ihm leicht, sich in die Menschen jeder Art einzufühlen, mit ihnen mitzuleiden und sich mitzufreuen, jeden nach seinen besonderen Verhältnissen zu beurteilen und zu führen. Das Übernatürliche war bei Franz von Sales nicht Zerstörung, sondern Erfüllung dessen, was die Natur gegeben hat."

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Verzicht auf Ehe und bürgerlichen Wohlstand

Als Zwanzigjährige hat Léonie ihre Institutsausbildung abgeschlossen und kehrt nach Sézanne zurück. Im Internat hat sie sich zu  einer hübschen und gebildeten jungen Dame entfaltet, deren ernster und zugleich froher Gesichtsausdruck Sympathie und Respekt einflössen. Sie ist bewandert in den schönen Künsten, spielt Klavier und malt und entwickelt auch in handwerklichen Arbeit grosse Geschicklichkeit. Alles Eigenschaften, die den Eltern gefallen. Der Vater ist stolz auf seine Jüngste und denkt daran, sie rasch in die Leitung seines Geschäftes einzuführen. Zudem wird sie von einem  angesehenen jungen Mann umworben, der in den Augen der Eltern eine 'ausgezeichnete Partie' für ihre Tochter wäre.

Aber Léonie hatte sich bereits in Troyes von einem andern Ideal angezogen gefühlt,

 

dem Dienst an den Armen und Kranken im Geiste des hl. Franz von Sales. Die konkrete Aufgabe für sie hatte Pater Brisson schon seit langem vorgesehen. Aber erst als sie 21jährig ist, eröffnet er ihr seine Pläne. Er bittet sie, im Arbeiterinnenwerk an der 'rue des Terrasses' in Troyes mitzuwirken. In den zahlreichen Fabriken und Spinnereien dieser Industriestadt arbeiteten damals nahezu 30'000 Frauen und junge Mädchen, von denen aber ein grosser Teil moralisch gefährdet und religiös vernach­lässigt war.  Vor allem für Mädchen vom Lande, die sich in der Stadt verloren und ausgebeutet vorkamen, sollte das bereits bestehende Heim an der 'rue des Terrasses' erweitert, sollten zudem neue Heime samt Arbeitsplätzen geschaffen werden, in denen die jungen Frauen menschliche Geborgenheit und religiöse Förderung finden konnten.

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"Hier bei den Arbeiterinnen ist mein Platz"

Mit dem Los der Arbeiterinnen war Léonie schon vor Jahresfrist bei einem kürzeren Aufenthalt in der Brillenfabrik zu Sézanne näher bekannt geworden. Schon damals hatte sie, wie von einem innern Lichtstrahl getroffen, die Erkenntnis gepackt, die sich jetzt in Troyes erneut mit aller Klarheit einstellt: Hier, inmitten dieser jungen Mädchen, von denen manche fast noch Kinder sind, ist mein Platz!

Am 11. April 1866 kommt die jetzt 22 jährige Léonie, zusammen mit Lucie Canuet, einer ehemaligen Institutskollegin, in der Rue des Terrasses an. Sie beginnen ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit achttägigen Exerzitien unter der Leitung der 'Guten Mutter', Sœur Marie de Sales. Dann treten beide in das von Pater Brisson geschaffene 'Arbeiterinnenwerk des heiligen Franz von Sales' ein. Léonie übernimmt die Gesamtleitung des Werkes und der vier Filialen, Lucie kümmert sich um die materiellen Belange. Keine leichte Aufgabe; denn die junge 'Ökonomin' klagt oft, es sei kein Geld vorhanden, obwohl die Zahl der Hungrigen ständig zunehme. Aber beide Leiterinnen erleben stets neu auch besondere Beweise der Vorsehung.

Das Arbeiterinnenwerk entspricht einer unbedingten Notwendigkeit, noch aber besteht keine Garantie für eine längere  Kontinuität. Pater Brisson und seine beiden Mitarbeiterinnen erkennen immer deutlicher: Am besten könnte der Fortbestand des Werks durch die Gründung einer Ordensgemeinschaft gesichert werden. Léonie und Lucie sind bereit, ganz klein zu

 


Schwester Léonie Françoise de Sales mit den jugen Arbeiterinnen

anzufangen und zu zweit ein religiöses Gemeinschaftsleben zu beginnen, im gläubigen Vertrauen, die göttliche Vorsehung werde ihnen weitere Gefährtinnen zuführen. Auch diesmal ist Sœur Marie de Sales zur Stelle, um die beiden Postulantinnen in die Spiritualität des Ordenslebens und die ersten Richtlinien einer Ordensregel einzuführen. Sie übergibt ihnen auch das 'Geistliche Direktorium', die vom heiligen Franz von Sales gegebenen Weisungen für das religiöse Leben.

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Soeur Françoise de Sales wird erste Oberin

Am 28. Oktober 1868  genehmigt der Genfer Bischof  Gaspard Mermillod  die junge Gründung und steht der Einkleidung der beiden ersten Novizinnen vor. Léonie Aviat erhält nun - zur ihrer grossen Freude ganz im Anklang an ihr geistiges Vorbild - den Ordensnamen Sœur Françoise de Sales. Lucie  Canuet  wird inskünftig Sœur Jeanne-Marie heissen. Der Rahmen der Feier ist allerdings höchst bescheiden: sie findet in einem kleinen Zimmer im ersten Stock des Arbeiterinnenwerks statt, dessen Wände die beiden jungen Schwestern in der Nacht zuvor noch mit gewöhnlichem grauem Papier 'tapeziert' hatten.


Mutter Léonie Aviat

Aber am verheissungsvollsten ist, dass bereits drei neue Kandidatinnen zur Gemeinschaft gestossen sind, die sich jetzt offiziell 'Kongregation der Schwestern Oblatinnen des heiligen Franz von Sales' nennt.  Soeur Françoise de Sales wird als erste Oberin der Schwesterngemeinschaft eingesetzt. Zusammen mit Pater Brisson gibt sie - als Mitgründerin der Kongregation - der Schwesterngemeinschaft nicht nur die Struktur, sondern weist den Oblatinnen

 

Der Begriff Oblatin (männlich: der Oblate) ist abgeleitet vom lateinischen Wort "oblatus" und bedeutet wörtlich "hingegeben". In den  Orden und Kongregationen bezeichnet dieser Ausdruck die Bereitschaft zur totalen  Hingabe und Weihe an Gott.

durch ihre persönliche Begeisterungs-fähigkeit und religiöse Tiefe, sowie ihr frauliches Gespür für das Richtige den Weg in der täglichen Praxis.

Von der Einkleidungsfeier mit innerem Feuer erfüllt, geht Sœur Françoise de Sales schon am folgenden Tag wieder mutig an die drängenden Aufgaben der Kongregation. Es gilt, weitere Heime für Arbeiterinnen zu schaffen. Die stets zunehmende Zahl der Internen nötigt die Schwestern zum Bauen. So entsteht, dank der Mithilfe von Pater Brisson, der sich auch als begabter Bauherr und Architekt erweist, in Tauxelles ein neues Internat.

Am 19. Juli 1970 entlädt sich jedoch der Konflikt zwischen Frankreich und Preussen in einem blutigen Krieg, der die Fabriken still legt und die Frauen des Arbei­terinnenwerks  arbeitslos macht.  Die Mädchen, die von ihren Familien aufge­nom­men werden können, werden nach Hause geschickt. Für die andern können nach kurzer  Zeit in den Betrieben an der rue des Terrasses und in Tauxelles Mützen und Uniformen für Soldaten hergestellt werden. Der Lebensunterhalt für die Frauen ist in Halbtagesarbeit teilweise gesichert. Sœur Françoise de Sales sorgt dafür, dass jene, die keine Schule besucht haben,  am Vormittag im Lesen und Schreiben unterrichtet werden.

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Der Lebensvorsatz: "M'oublier entièrement"

Angesichts der grossen Aufgaben fühlt sie sich aber oft auch als 'schwach und unfähig'. So fleht sie in ihren Gebeten inständig um die Hilfe von oben: «Heiliger Franz von Sales, du hast mir die Leitung dieser kleinen Gemeinschaft übertragen. Gib


"Alles aus Liebe, nichts aus Zwang"

mit deinen Geist, dein Herz. Erlange mir mit der heiligen Chantal die ihr eigene Standhaftigkeit, ihre Mitleid und auch ihre Liebe zu den Nächsten.» Gestärkt im Glauben,  und im Vertrauen drauf, dass Gott und ihr Schutzpatron ihr beistehen, legt

 

Soeur Françoise de Sales in "Les Tauxelles" am 11. Oktober 1871 mit Schwester Jeanne-Marie vor dem Bischof von Ségur ihre ewigen Gelübde ab. Sie gelobt also vor Gott und den Mitschwestern, ihr ganzes Leben nach den drei evangelischen Räten der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams zu leben. In ihrem Exerzitienbüchlein schreibt sie nieder, was sie sich als Vorsatz und Lebensdevise vorgenommen hat: "M'oublier entièrement - Mich selbst ganz vergessen." Das ist die willentliche Absage an jeglichen Egoismus, um ganz offen und hellhörig zu sein für den Anruf Gottes und das leibliche und geistliche Wohl der ihr anvertrauten jungen Arbeiterinnen. In den Heimen der Kongregation sollen diese ein festes Glaubens­fundament und die Fertigkeiten für den Haushalt erhalten und so zu guten Gattinnen und Familienmüttern erzogen werden.

Die Kongregation ist inzwischen auf 16 Personen - zwei Professen, vier Novizinnen und Postulantinnen - angewachsen. Am 20. September 1872 wählen sie beim ersten Generalkapitel, an dem alle teilnehmen, einstimmig Sœur Françoise de Sales zu ihrer ersten Generaloberin. Besonders erstaunlich ist, dass sich der jungen Kongregation zu gleicher Zeit 14 Profess-Schwestern der Gemeinschaft "Sainte Marie de Lorette" anschliessen. Sie sind alle älter und stehen schon länger im Ordensleben, haben aber das Vertrauen, unter Mère Françoise de Sales und ihren Mitschwestern Gott und den Mitmenschen glaubwürdiger dienen zu können.

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Seelenstärke trotz "unzähliger Verletzungen"

Als 1879 ihr zweites Vierjahres-Mandat als Generaloberin zu Ende geht, legt sie satzungsgemäss ihr Amt nieder. Die Nachfolge übernimmt zunächst die frühere Oberin der Loretto-Schwestern, Sœur Claire de Jésus Tapin, und vier Jahre später die erste Gefährtin des Anfangs, Sœur Marie-Jeanne Canuet. Aber nun beginnt sich auszuwirken, dass diese schon seit der Internatszeit gewisse Minderheitskomplexe gegenüber Soeur Françoise de Sales entwickelt hatte. Die neue Ordensleitung setzt die Gründerin nun als einfaches Mitglied der Gemeinschaft zunächst im Arbeiterinnenwerk zu Troyes ein, dann ordnet sie diese für acht weitere Jahre ins Pariser Internat an der Rue Vaugirard ab. In den zwölf Jahren ist sie vielen kleinen 'Nadelstichen', Demütigungen und Schikanen, ja sogar von massiven Intrigen und Verleumdungen ausgesetzt. Eine ihrer Biografinnen nennt diese Phase "eine Zeit unzähliger Verletzungen". Soeur Françoise de Sales ist darauf bedacht, durch Phasen des Schweigens, in "Wüstentagen" mit Gott allein zu sein, um in sich jene Seelenstärke lebendig zu halten, die ihr hilft, selber wieder Mut zu fassen und andere zu ermutigen. Jetzt ist ein wirkliches, echtes Sich-selbst-vergessen erfordert. Ihre nähere Umgebung bezeugt, wie tapfer sie alle Prüfungen ertrug. Ein erstes Zeugnis: "Soeur Françoise de Sales ist aussergewöhnlich tugendhaft, sie ist sehr selbstbeherrscht, uneigennützig und von wahrer Demut". Und eine zweite Äusserung: "Sie war einfach Schwester und kümmerte sich um alle Werke. Sie verhielt sich wie die Letzte von allen."

Am 12. September 1893 wird Sœur Françoise de Sales als Generaloberin wiedergewählt und in der Folge alle vier Jahre im Amt bestätigt. So bleibt sie, im wahrsten Sinn des Wortes, Frau Mutter bis zu ihrem Tod am 10. Januar 1914, dem 

 

"Vorabend" des Ersten Weltkriegs. Während ihrer gesamten Amtszeit konnte sie insgesamt über 60 Postulantinnen in die Kongregation aufnehmen. Dies ermöglichte es, auf weitere Anfragen für Schwestern­einsätze einzutreten. Die Mitglieder ihrer Gemeinschaft über­nehmen Aufgaben in einem Pensionat in Paris, an einer Grundschule und einem Kollegium in Troyes, in einem Heim für milieu­geschädigte Kinder in Morangis, in einer Internatschule mit Werkstätte beim "Faubourg Croncel". Es folgen erste Gründungen auch im Ausland: in Italien, England, Österreich, in der Schweiz, ja sogar in Südafrika, in Südamerika. An über dreissig Orten auf drei Kontinenten werden ihre Oblatinnen des hl. Franz von Sales eingesetzt.


Mit den Kindern am Sonntag

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Politische Stürme und massive Rückschläge

Das zwanzigste Jahrhundert bringt der Kongregation, und damit ihrer Generaloberin, schon gleich zu Beginn einen völlig unerwarteten massiven Rückschlag. In den politischen Wirren, die 1901 ausbrechen, weht ein gewaltiger antiklerikaler Sturm über Frankreich. Innerhalb weniger Tage werden


Mutter Léonie Françoise de Sales

 

sämtliche Kongregationen und religiösen Gemeinschaften enteignet und verstaatlicht. Die Gemeinschaft der Oblatinnen, deren Gründerin und Herz Mère Françoise de Sales noch immer ist, bleibt davon nicht verschont. Die Schwestern sehen sich gezwungen, alle Heime und Schulen in Frankreich aufzugeben und zu flüchten. Ein paar wenige wagen zu bleiben und - um nicht als Ordensfrauen erkannt zu werden - in Zivilkleidern weiterzuarbeiten. Das Mutterhaus wird von Troyes nach Perugia verlegt.

In allen Schwierigkeiten und Wirren blieb Mutter Françoise die gleichzeitig mitfühlende und starke Frau, die ihren Schwestern mütterlich Mut zusprach, sie bei der Lösung von Problemen beriet und in jeder Weise moralisch unterstützte. Ihre vielfältigen Zeugnisse über das Leben und Werk ihrer Gründerin haben bewirkt, dass Papst Johannes Paul II. am 27. September 1992 ihre Seligsprechung vornahm. Am 15. November 2001 wird er sie in das Verzeichnis (Kanon) jener Verstorbenen einreihen, die wir als 'Heilige' - als von Gott besonders erfüllte Menschen - verehren und als Schutzpatrone anrufen dürfen. Durch ihr vorbildhaftes Leben und Wirken leuchten sie uns als Ansporn und Ermutigung für unseren eigenen Lebensweg voran.

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Worin Léonie Françoise de Sales Vorbild bleibt

Wäre Lucie Aviat von Sézanne den geschäftlichen und gesellschaftlichen Erwartungen ihres Vaters gefolgt, dächte heute wohl jemand mehr an sie. Da sie aber  hellhörig auf den Anruf Gottes gehört und zugunsten der Arbeiterinnen auf eigenen Wohlstand verzichtet hat, erinnert sich die Nachwelt ihrer charakteristischen Züge, die auch uns Heutigen Vorbild und Ansporn sein können:

  • ihre Sensibilität für die soziale Not ihrer Zeit und ihre Solidarität mit den  ausgebeuteten und moralisch gefähr-deten Arbeiterinnen;
  • ihr Verzicht auf eigenen Wohlstand und das totale persönliche Engage-ment auf Lebenszeit "M'oublier entièrement";
  • die frauliche Einfühlsamkeit und ihre Sorge für eine Kultur der Liebe;
  • die salesianische Spiritualität der Güte, Milde und Sanftmut; und gleichzeitig ihr hartnäckiger Einsatz zugunsten der Ausbildung und sozialen Förderung der Frauen;
  • die selbstbeherrschte, uneigennützige und demütige Haltung trotz "Nadelstichen" und Intrigen;
 
  • das Organisationstalent und der weltweite Horizont (Südafrika und Südamerika).
  • Dies alles getragen vom Urvertrauen auf Gott und von der unerschütter-lichen Treue zur Liebesbotschaft Jesu.

Erich Camenzind;
Priester und Journalist,
Lausanne

 

Das erforderliche Wunder

Vorbedingung für eine Heiligsprechung (Kanonisation) ist ein Wundernachweis. Gemäss eingehender Prüfung durch diözesane und römische Organe wird die medizinisch unerklärliche Hei­lung des Wirbelsäule-Leidens eines Mädchens namens Bernadette in Philadelphia/USA als Wunder an­erkannt, das auf die Für­bitte der Mère Françoise de Sales geschah.

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